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Zukünftige Erinnerungen

  • Autorenbild: Andrea Mollet
    Andrea Mollet
  • 15. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

Kürzlich ist mir ein Text begegnet, der mich sehr tief berührt hat.


Eine Frau mit 80 Jahren reflektiert darin, wie es wäre, wenn sie für einen Tag in ihrem Leben, wieder mit 35 Jahren morgens aufwachen würde. Sie schrieb ihrem jüngeren Ich einen Brief.


Dieser Text hat mich zu Tränen gerührt.



Ich habe mir meinen eigenen Tag vorgestellt, wie der wäre. Einen ganz normalen Alltagstag, mitten in den Dreissigern mit Kleinkind. Einen Tag, den ich heute schon vermisse und von dem ich weiss, dass ich ihn irgendwann noch viel mehr vermissen werde.



Den Brief den dein 80 jähriges Ich, an dich schreiben würde


Ich erwache noch einmal mit etwas über 30, ein ganz normaler Tag, Morgens – eigentlich noch früher als wirklich Morgen ist – ich höre das Kinderbett knarzen. Jemand steigt daraus aus, klettert über das Bettgitter, kleine Füsse tapsen auf mich zu, Windeln rascheln dabei bei jedem Schritt.


Ich weiss noch so gut, wie müde ich damals war, nach so vielen kurzen Nächten mit so vielen Unterbrüchen. Ich hätte mich damals am liebsten tief unter meiner Decke versteckt.


Aber heute, an diesem einen Tag, grinse ich in Erwartung auf diesen kleinen Jungen, der da daherkommt, mit Nuggi und Nuschi. Ich weiss, dass gleich die Schublade der Kommode neben mir aufgeht und mir ein kleiner Jemand Socken ins Gesicht streckt, mir meine Brille gibt und hinter seinem Nuggi sagt: Mami ufstoo – Mami chooo.


Viel zu früh geht der Tag los, das weiss ich. Kaum habe ich mich mit viel zu viel Kaffee einigermassen wach gekriegt, ist der Kleine wahrscheinlich schon wieder rumpusuurig weil müde.


Wir starten den Tag mit Bücher anschauen, spielen und kuscheln.

Mami lue das.

Mami was ist das?

Mami lue.

Mami meh.

Mami chuum.

Nein – und davon rennen weil wickeln sicher nicht.


In kürzester Zeit ist das ganze Wohnzimmer vollgestellt mit allen Spielsachen, die ich am Abend wieder wegräumen werde - also gefühlt vorhin gerade gemacht habe.


Die Zeit fliegt vorbei, ich bin noch immer bettzerzaust, und bald schon machen wir Mittagessen zusammen und essen mit dem Papi.


Nachher ist der Kleine so richtig müde und schläft etwas. Und normalerweise bin ich dieser Zeit durch den Haushalt gejagt: Küche aufräumen, kurz alles wegräumen, staubsaugen, putzen, Wäsche erledigen usw. – um wenigstens einigermassen alles beisammenzuhalten und damit es wenigstens ein bisschen ordentlich aussieht.


Heute würde ich mein Kind ins Bett legen, und ihm beim Schlafen zuschauen - und selber noch etwas dringend benötigten Schlaf nachholen. Weil ich weiss dass die Zeit so schnell vorbei sein wird, und ich noch viele Jahre lang ein aufgeräumtes, ordentliches Haus haben werde.


Dann unsere Nachmittage. Wollen wir zum Märchenbaum? In den Wald? Zum Spielplatz mit Zoo? Zvieri einpacken, Kinderwagen beladen und los. Raus in die Natur. Wir haben immer etwas Spannendes angetroffen: einen tollen Haufen Kies, eine Eidechse zum beobachten, einen Bagger auf der Baustelle. Auf dem Nachhauseweg noch kurz einkaufen fürs Abendessen.


Wirklich wunderbar, diese Welt zu entdecken - wie froh ich aber auch war, wenn der Papi dann da war und ich mal länger als dreissig Sekunden ins Badezimmer konnte - alleine. Duschen mit Haare waschen. Auch schön. Und heute wäre ich so froh um noch so einen ganz normalen Tag von früher, mit kleinem Kind.


Klar weiss ich auch wie erschöpft ich war, wie müde und wie froh um jeden kleinen Fortschritt im Grösserwerden. Und heute fühle ich eine grosse Wehmut, wenn ich an genau diese Zeit zurückdenke.


Abends vor dem Schlafengehen noch spielen und Geschichten erzählen. Nach der zweiten Zeile meist mein erstes Gähnen. Ich freute mich jeweils auf etwas Ruhe und Zeit für mich.


Aber heute, an diesem einen Tag in meinem damaligen Alltag, wenn es heisst: no meeh, würde ich noch ein Buch vorlesen. Und ich würde Ja sagen zu noch einer Geschichte. Ja zu noch mehr Spielen und zu all den Ideen, um die Schlafenszeit noch etwas hinauszuzögern. Weil ich auch nicht will, dass der Tag schon vorbei ist.



Auch wenn ich noch nicht 80 Jahre alt bin und diese Kleinkinderzeit bei uns noch nicht so weit weg ist, bin ich doch sehr wehmütig, weil sie eben vorbei ist.


Heute ist es nicht mehr wichtig, wie müde ich damals war. Es war eine wunderbare Zeit und ich habe sie sehr genossen!


Nun haben wir Teenager. Es ist heute immer noch streng - aber anders. Und wenn ich mir heute vorstelle, was ich vermisse, dann sind es genau diese kleinen Dinge. Diese ganz normalen, unspektakulären Tage. Und genau das will ich mir in mein Heute mitnehmen!


Weil wenn man so mitten drin steckt, fühlt man sich oft so überfordert, so müde, so ausgelaugt, dass man manchmal gar nicht mitkriegt, wie schön es ist, wie wertvoll es ist und es vielleicht erst viel später merkt - das wäre so schade.


Genau deshalb ist es so wichtig, dass es dir gut geht und dass du deine Zeit geniessen kannst. Auch wenn es sich im Alltag vielleicht nicht immer leicht anfühlt, du wirst dich viele Jahre lang an diese Zeit erinnern. Und wenn du hoffentlich einmal 80 Jahre alt wirst, wirst du denken: Das waren die guten Zeiten.


Und darum ist es so sehr nötig, dass die guten Zeiten auch wirklich gut sind. Dass sie sich gut anfühlen, auch wenn du müde bist - das wird relativ und unwichtig, wenn du dich gerne an das Schöne erinnerst.


Schau gut zu dir. Schaut gut zu euch. Und wenn du das Gefühl hast, es ist an der Zeit, über die Bücher zu gehen – dann geh über die Bücher.


Trag Sorge zu dir.


Denn das, was du heute machst und wie du dich dabei fühlst, das werden deine künftigen Erinnerungen für dein ganzes Leben sein.


Es spielt keine Rolle, wo du im Leben stehst, ob du Familie hast oder Business und Karriere, oder beides. Es ist wichtig, dass das, was du tust, sich gut anfühlt und dass du es geniessen kannst – auch wenn es streng ist.


Arbeite weniger und geniesse mehr.

Nimm die Ansprüche nicht so ernst.

Dafür DICH umso mehr.



 
 
 

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